Weniger Medikamente und mehr Bewusstsein verschreiben.

Im Gepräch mit Dr. med. Klaus Derksen, Orthopäde und Sebastian Kaul, Physiotherapeut im salvea sports.Sebastian Kaul Dr

Klaus Derksen: Im Jahr 2015 hingen ca. 380000 Arztbesuche mit Rückenschmerzen zusammen. Jeder Fünfte geht also minimum einmal im Jahr wegen Rückenbeschwerden zum Arzt. Beim Rückenschmerz kann in der ärztlichen Anamnese, die ganz wichtig ist, herausgefiltert werden, ob man es mit einem strukturellen Rückenschmerz zu tun hat, verursacht z.B. durch einen Bandscheibenvorfall, Tumor oder eine Nervenentzündung, der dann entsprechend behandelt werden muss, oder eben – und dass ist die Ursache bei über 80 Prozent der Fälle von Rückenschmerzen – mit einem Rückenschmerz rein funktioneller, muskulärer Art. Diese Differenzierung steht ganz am Anfang der orthopädischen Behandlung.
Wenn ich den häufigeren, nicht spezifischen Rückenschmerz habe, dann ist wichtig, Betroffene über Zeitfenster zu informieren, nämlich dass eine Vielzahl, über dreiviertel, der Betroffenen schon nach 14 Tagen beschwerdefrei sind. 20 weitere Prozent sind innerhalb von 6 Wochen ohne Schmerzen, die verbleibenden 5 Prozent der Patienten müssen zu den chronisch Rückenschmerzpatienten gezählt werden. Diese generieren jedoch wiederum 40 Prozent der Fälle von Arbeitsunfähigkeit. Im Rahmen der nationalen Versorgungsleitlinien ist untersucht worden, welche Therapien wann sinnvoll wären. Und ein entscheidendes Ergebnis ist, dass die Menschen nicht immer in eineStrukturdiagnose gebracht werden, sondern dass sie aufgeklärt und beraten werden: „Der Schmerz ist vorhanden, dieser kann akut durch Medikamente eingedämmt werden, dann aber muss die Behandlung durch Bewegung angesteuert werden.“
In der akuten Schmerzphase empfiehlt sich eher physiotherapeutisch angeleitete Bewegung, später folgt dann die Bewegungstherapie. Bei dieser ist es erst einmal nicht entschiedend, welche Bewegung, welchen Sport man ausübt, wichtig ist, dass es Spaß macht und motiviert. So ist ein langfristiger Erfolg wirklich erreichbar.

Sebastian Kaul: Hier ist der Part, an dem wir im salvea sports einsetzen. Wir haben ein breitgefächertes variantenreiches Bewegungsangebot, das in Präventionsmaßnahmen, innerhalb einer Mitgliedschaft oder im Rehasportbereich ausgeführt werden kann. Die multimodalen Angebote und auch das Angebot des FPZ sind besondere Maßnahmen, die mehr bei den chronische Erkrankten angepasst werden.

Klaus Derksen: Nach Ausschluß von red flags, also strukturellen Beschwerden, sollte man die yellow flags, also eher die emotional-kognitiven Faktoren – wie z.B. „Wie gehe ich mit Schmerz um? Was habe ich an Erfahrungen mit Schmerz? Macht mir der Schmerz Angst, führt er also zu Vermeidungsverhalten und Schonungshaltung? Schaffe ich den Arbeitsplatz noch? Bin ich dem Leistungsdruck gewachsen?“ – eben die psychische Ebene als Behandelnde erfassen und die resultierenden Erkenntnisse in eine Therapie einfließen lassen. So sollte man dann auch mit Entspannungsübungen arbeiten und das Training icht nur auf Muskeltraining beschränken.

Sebastian Kaul: Es ist das Prinzip Ying und Yang, der Geist ist ebenso wichtig für den Genesungsprozess wie der Körper. Aktuelle Untersuchungen zeigen deutlich: Der Druck von Außen äußert sich nicht nur vermehrtem Aufkommen psychischer Erkrankungen wie Burn-Out oder Depressionen sondern auch in Beschwerden und Erkrankungen des Körpers. Die Stressfaktoren spielen auch beim Rückenschmerz eine Rolle. Bildlich wird von einem „Schmerztor“ gesprochen: bei schlechtem Stress stehe das Tor weit offen – Jemand in einer Stresssituation sei dann sehr empfänglich für Rückenschmerzen und andere Beschwerden.

Klaus Derksen: Körperlicher Stress entsteht durch Haltung bei der Arbeit und die Schwere der Belastung durch körperliche Arbeit. Das ist ein Faktor. Der psychische Stress, der durch das persönliche Umfeld bedingt sein kann und auch dadurch entsteht, dass man sich nicht mehr in der Lage fühlt, seine Arbeit zu schaffen, ist ein weiterer. Alle diese Faktoren bedingen die Gesundheit und lagern sich bildlich gesprochen in der Muskulatur ab. Je eingeengter sich die die Situation gestaltet und empfunden wird, je mehr neigt der Körper dazu, zu verkrampfen. In der Behandlung ist daher Entspannung vorrangig und wichtig, alles in den Fluss zu bringen – eventuell auch durch Sportarten mit fließenden Bewegungsabläufen. Für die langfristig erfolgreiche Behandlung sind Entspannungstechniken und eine bewusste Körperwahrnehmung wichtig.
Aktuell finden sich auch in den Tageszeitungen wieder viele Artikel. Tenor ist da, der beste Schutz gegen Alzheimer, Krebs oder Demenz, um nur einige zu nennen, ist sportliche Betätigung und Bewegung. Hier aber gilt auch, das gesunde Mittelmaß zu finden. Also weder über das Ziel hinauszuschießen noch Bewegung zu vermeiden, sondern sich mit Freude zu bewegen. Die Freude an der Bewegung unterstützt die körperlich und geistige Entlastung.

Redaktion: Gibt es Sportarten, die besonders gut sind?

Klaus Derksen: Hauptsache Bewegung, das Schönste ist, wenn ich etwas gern mache, dann mache ich es freiwillig. Sich zu motivieren und Sport in den Alltag zu integrieren, ist für viele das größte Problem.
Die richtige und individuell passende Form der Bewegung zu finden, ob an Geräten oder freier in einem Kurs zu Musik, führt letztendlich dazu, sich selbst auch auf Dauer zur Bewegung zu motivieren.

Redaktion: Kann man den schlimmsten Bewegungsmuffel vielleicht auch was raten?

Sebastian Kaul: Der Bewegungsmangel ist das Grundproblem, Untersuchungen belegen, das Rückenschmerz mit Bewegungsmangel einhergeht. Ein einfacher Ratschlag ist, sich pro 2 Stunden Sitzen 5 Minuten zu bewegen. Das kann man auch im Büro. Man kann den Bewegungsmangel am Abend nicht auftrainieren, also ist die zwischenzeitliche Bewegung wichtig. Und es ist nicht die Rede von schweren Übungen sondern davon, zwischendurch einmal aufzustehen und alle Achsen der Wirbelsäule kurz zu bewegen. Also auch kleine Übungen helfen. Fitness-Apss oder entsprechende Uhren erinnern zusätzlich daran, sich mehr zu bewegen.

Klaus Derksen: In der Praxis berate ich die Patienten zu mehr Körperwahrnehmung. Diese ist meistens wenig ausgeprägt. Viele sind eine zu lange Zeit über ihre Grenzen hinaus gegangen, andere trauen sich nicht mehr, an ihre Grenzen zu gehen. In der Therapie sollte auch das individuelle Bewegungsgefühl wahrgenommen werden. Nicht jede Übung ist für jeden gleichermaßen geeignet und gut. Das muss der Patient wahrnehmen und auch äußern können. Am sinnvollsten ist, wenn die Patienten durch den Therapeuten angeleitet werden, der während der Ausführung der Übung erklärt, was der Patient spüren müsste. Wenn ich als Betroffener aus dem Gefühl heraus weiß, wie eine Übung geht, kann ich diese auch richtig machen. Es gibt einen weiteren Effekt: Ab und an genügt es dann auch nur eine Spannungsübung im Stand zu machen, wenn der Patient dabei dann aber kontrollieren kann , wie der Stand des Beckens und der Schultern ist, ob Beine und Rucken die richtige Spannung haben. So kann er dann mal eine Standübung auf einem Bein machen und hat in diesem Moment die Muskelgruppen aktiviert, die ihm sonst Schmerzen bereiten.
Als Arzt weiß ich, wenn die Leute die Praxis verlassen und äußern können, was ihnen gut tut, dass sie für sich selbst weiter an der Genesung arbeiten können. Das ist letztendlich auch das, was im Rahmen der chronischen Schmerzbehandlung wichtig ist: eine positive Bewegungserfahrung ist wirksamer als das Blockieren der Schmerzzentren durch Medikamente. Zum Beispiel: wenn das Schuhzubinden Schmerzen bereitet, möchtet man diese Bewegung vermeiden. Wenn allerdings erklärt werden kann, durch welche Muskelanspannung der Schmerz vermieden werden kann und eine wiederholte bessere Bewegung dazu führt, dass der Schmerz nicht mehr verspürt wird, ist auch das Schmerzgedächtnis nicht mehr vorhanden. Durch eine positive Bewegungserfahrung haben wir das Schmerzgedächtnis beeinflusst und das ohne Medikamente. Das ist der Ansatz, sich in individuellen Bereichen zu bewegen. Wenn ich ein Rezept ausstelle, dann häufig nicht zur Kräftigung oder Entspannung sondern „zur Verbesserung der Körperwahrnehmung“. Das ist der erste Schritt und die Basis. Das wird von Kindern gut angenommen, viele Erwachsene müssen das erst einmal entsprechend lernen umzusetzen. Diese Erfahrung kann ich immer und überall umsetzen. Bei einer langen Autofahrt zum Beispiel achte ich darauf, wie ich das Becken kippe oder wie ich die Muskeln anspanne, wie ich die Schulter-Nackenregion entspanne. Dann ist der Punkt erreicht, an dem es gut wird und Besserung eintreten kann.

Redaktion: Also sich selbst zu kontrollieren, sich selbst zu tragen...

Sebastian Kaul: ...und auch Probleme zu erkennen... Ein Maurer muss unter Umständen nicht noch ein Kraftraining machen. Dem fehlt es wahrscheinlich eher an Beweglichkeit. Also es geht nicht nur um die Kraft sondern um zwei weitere Dinge: die Mobilität als auch die Stabilität. Hier ist dann zu untersuchen, wo ein Defizit ist und woran gearbeitet werden muss.

Klaus Derksen: Das ist genau eure Stärke bei salvea, dass ihr das erkennen und herausarbeiten könnt. Tests auszuwerten, einen Plan zu erstellen und auch zu vermitteln und verständlich zu machen, wie der Plan in Tat umgesetzt werden kann. Und auch die Schwerpunkte klar festzulegen, an denen gearbeitet werden muss, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Sebastian Kaul: Wer behauptet, dass ein starker Rücken keinen Schmerz hat, liegt nicht richtig. Auch ein muskelbepackter Mensch kann Rückenschmerzen haben. Eine Dysbalance führt häufig zu Beschwerden.

Klaus Derksen: Ich erlebe viele, die erst einmal stark rüberkommen, aber insgesamt vollkommen instabil sind, sie sind eher „aufgepumpt“, haben aber aber keine Grundstabiltät.
Mein Fazit: Ein wichtiger Faktor in der Therapie gegen den Rückenschmerz ist, den eigenen Körper besser wahrzunehmen und dadurch auch mehr Verantwortung für seine Gesundheit übernehmen zu können. Also weniger Medikamente und mehr Bewusstsein verschreiben.

Sebastian Kaul: und Bewegung!

Redaktion: Christian Wucherpfennig

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